Texte B2 / C1 – Ausgangstext 01

Ein Land in heller Aufregung

TEIL 1 (220 Wörter, 21 Lücken)
WETTER Manche deutsche Politiker würden am liebsten jeden Bürger vor dem Ausrutschen schützen.
Das beschreibt die Lage des staatsverwöhnten Landes gut.
DAVON WERDEN die heute lebenden Deutschen noch künftigen Generationen
berichten können: Damals, im Januar 2026, trat ein, womit niemand gerechnet
hatte: Es wurde plötzlich Winter in Deutschland. Mit Schnee. Die Deutsche Bahn
stellte im Norden den Fernverkehr ein, vielerorts wurden Schulen geschlossen,
das Bundesliga-Spiel St. Pauli gegen Leipzig wurde abgesagt, die „Bild-Zeitung“
berichtete über das „Winterchaos“ – zum Glück warnte der Deutsche Wetterdienst
rechtzeitig vor dem Sturmtief „Elli“.

Nicht, dass jemand diese Zeilen falsch versteht: Natürlich dürfen und sollen
Behörden vor Gefahren warnen. Und in manchen Situationen ist es besser, zu Hause
zu bleiben. Auch mit der so gebeutelten Deutschen Bahn kann man in Zeiten eines
Sturmtiefs nachsichtig sein: Oberleitungen können vereisen, Weichen einfrieren.
Doch das, was in Deutschland derzeit geschieht, geht weit über diese
Vorsichtsmaßnahmen hinaus. Wer die Berichterstattung verfolgte, musste bald den
Eindruck haben, das Land stehe vor einer Schneekatastrophe wie Ende der
siebziger Jahre, als ganze Dörfer von der Außenwelt abgeschnitten waren. Auch
die Maßnahmen wirkten mancherorts überzogen.
TEIL 2 (189 Wörter, xxx Lücken)
In einer Reihe von Bundesländern fiel die Schule aus, oder die Präsenzpflicht
im Unterricht wurde aufgehoben. Die Bahn stellte den Fernverkehr in
Norddeutschland zeitweilig komplett ein, und was der Bahn-Sprecher dazu im
Fernsehen sagte, klang unfreiwillig komisch: „Wir können uns um unsere Fahrgäste
viel besser in den Bahnhöfen kümmern als auf freier Strecke.“

Auch der Kümmerer-Staat treibt dieser Tage die seltsamsten Blüten.
Beispielhaft illustriert das eine Initiative der oppositionellen Grünen im Land
Berlin: Kommende Woche wollen sie im Wirtschaftsausschuss einen Gesetzentwurf
einbringen, der die Stadtreinigungsbetriebe des Landes dazu verpflichten soll,
künftig auch die Gehwege der Metropole von Eis und Schnee zu befreien. Bisher
lag die Verantwortung bei den Immobilienbesitzern. Ein jeder streue und schippe
vor seiner Tür.

Doch für Oda Hassepass, die verkehrspolitische Sprecherin der Berliner Grünen,
reichte das offenbar angesichts der derzeit kaum auszuhaltenden
Witterungsverhältnisse nicht aus. Sie rief nach dem Staat.
Die heutige Regelung berge Gefahren gerade für Kinder, ältere Menschen und
Menschen mit Behinderungen. „Es ist die Fürsorgepflicht einer Stadt, dass auch
die Schwächsten sicher unterwegs sein können. Berlin braucht einen professionell
organisierten, effizienten Winterdienst aus einer Hand“, so Hassepass.
TEIL 3 (175 Wörter, xxx Lücken)
Mal abgesehen davon, dass das Land Berlin einen defizitären Haushalt aufweist
und schon jetzt nicht dafür bekannt ist, besonders saubere Strassen zu haben:
Der Vorstoss steht beispielhaft für den in Deutschland verbreiteten Wunsch, die
Regierung möge doch bitte alle Gefahr und Unbill von den Bürgern fernhalten.
Die deutsche Hauptstadt dient derzeit als kleine Versuchsanordnung, wie sich
der fürsorgliche Staat weiter ausbauen lässt. Das Land zeigt auch das
Hauptproblem dieser Versuchsanordnung auf: In grossen Krisenlagen wie dem
Berliner Stromausfall in der Kälte reagiert es zunächst ineffizient; beim
anschliessenden Sturmtief dann mit Aktionismus.

Dabei kann der Staat nicht ersetzen, was die Bürger verlernt haben: mit
Widrigkeiten wie einem heftigen Kälteeinbruch umzugehen. Es ist Winter. Es
schneit. Strassen vereisen, Gehwege müssen geräumt werden. Das soll auch früher
schon vorgekommen sein. Womöglich sogar ohne Schulausfälle.

Etwas mehr Gelassenheit würde den Deutschen guttun, am besten auch ein paar
hochgekrempelte Ärmel. Gegen die Schwerkraft, die einen auf den vereisten Gehweg
knallen lässt, werden sie auch künftig nichts ausrichten können. Nicht einmal
ein Gesetzentwurf wird daran etwas ausrichten.